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Thüringer Landeszeitung: Not müssen die wenigsten Kinder leiden

Thüringer Landeszeitung: Not müssen die wenigsten Kinder leiden

Erst gestern hatten wir auf unserer Seite über Deutschlands arme Kinder geschrieben. Prompt findet man in der Thüringer Landeszeitung heute einen Artikel über arme Kinder. Tenor dieses seltsamen Pamphlets ist:  „Arme Kinder: Jammern auf hohem Niveau“. Der Autor, Norbert Block, kommentiert die Armutsquote mit der lapidaren Aussage, dass die Quote reine Statistik sei. Rechenkünstler seien es, die die Kinder in Deutschland arm rechnen.

Nun gut. Wenn für den Redakteur Kinderarmut bedeutet, dass die Kinder fast unbekleidet auf der Straße liegen, unterernährt und ohne medizinische Versorgung leben müssen, dann können wir ihm getrost Recht geben. Solche Kinder sind in unserem Land wirklich eine Ausnahme. Dass aber für Kinder unter sechs Jahren der Gesetzgeber gerade mal 2,80 Euro für Essen und Trinken pro Tag vorsieht, ist leider bittere Realität. Und genau das ist in unserem Land ARMUT.

Im Artikel steht auch, dass der Wohlstand in Deutschland gestiegen sei und die Arbeitslosenzahlen deutlich zurück gingen. Der Rückgang hätte folglich die Durchschnittseinkommen wachsen lassen und diese wiederum seien ein Berechnungskriterium der Statistiker. Der Rückgang der Arbeitslosigkeit hat seine Gründe. Wer aus welchem Grund aus der Arbeitslosenstatistik herausgerechnet wird, sollte man wissen, bevor man darüber spricht. Die Arbeitslosenzahlen in Deutschland werden seit Jahren nachweislich von „Rechenkünstlern“ schön gerechnet. Ältere Arbeitslose werden in die Zwangsrente geschickt, wer gerade krank ist, erscheint nicht in ihr, und, und, und…

Seit 2011 hat die Zahl der Langzeitarbeitslosen trotz des propagierten Aufschwungs um lediglich 2,7 Prozent abgenommen. Lediglich jeder siebte Langzeitarbeitslose in Deutschland hat im vergangenen Jahr eine Stelle auf dem Arbeitsmarkt gefunden. Die Armutsquote (NICHT die Quote der verhungerten Straßenkinder, Herr Block) liegt in den östlichen Bundesländern bei 21,6 Prozent. Jedes fünfte Kind hat also nichts vom „Aufschwung“, denn der findet ausschließlich in den oberen Einkommensschichten statt.

Ich empfehle dem Redakteur der TLZ einfach mal eine alleinerziehende Mutter zu besuchen. Sich mit ihr bei der Tafel anzustellen um Lebensmittel zu holen. Ihr bei ihrem unterbezahlten Aufstocker-Job zu helfen. Die Kinder aus der Kita oder dem Schulhort abzuholen. Den schweren Schulrucksack im überfüllten Stadtbus schleppen. Ein gesundes Abendessen zuzubereiten. Ganz einfach einmal die Not und die soziale Ausgrenzung erleben, die für über 2 Millionen Kinder in Deutschland Realität ist. Kinder, deren Väter meist gar nicht mehr bei der Mutter leben;  Kinder, deren Väter nicht Chef vom Dienst einer Landeszeitung sind und Kinder, deren Mütter es einfach satt haben zu hören, dass es ihnen und ihren Kinder nicht schlecht ginge.

Und bitte, lassen Sie künftig einfach den Quatsch mit dem „Bildungs- und Teilhabepaket“. Bitte. Das wird so gut wie gar nicht in Anspruch genommen und gilt als gescheitert. Gescheitert, weil der bürokratische Aufwand zu groß ist. Gescheitert, weil es Infos darüber erst auf Nachfrage gibt. Gescheitert, weil es einer Mutter nichts nützt, wenn die Mitgliedschaft ihres Kindes im Fußballverein bezahlt wird, sie aber trotzdem kein Geld für die neuesten Adidas-Treter hat. Weil die Mutter nicht möchte, dass die Mannschaftskollegen des Sohnes sich wundern, warum er kein Smartphone hat. Weil die Mutter vielleicht auch keine Möglichkeit hat, ihr Kind zweimal die Woche zum Training zu schicken und ihn am Sonntag nicht zum Spiel begleiten kann. Ganz einfach weil es keinen eigenständigen Regelsatz für Kinder gibt. Und da unterstellt der Autor, dass uns „allenfalls die Eltern Sorgen machen, die aus Bequemlichkeit ihren Kindern beispielsweise die Mitgliedschaft in Vereinen nicht ermöglichen“. Eine Frechheit. Der Artikel ist insgesamt schlecht recherchiert und eine Ohrfeige für alle Betroffenen. Kein Wunder, dass immer weniger Tageszeitungen verkauft werden. Aus Jena grüßt kopfschüttelnd, Uwe Hoffmann, Geschäftsführer des Deutschen Schutzverbandes gegen Diskriminierung e. V. 

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